Die 16-jährige Carrie White (Summer H. Howell) wird von ihren tiefreligiösen Eltern ohne Kontakt zur Außenwelt aufgezogen. Als Carries Vater bei einem Unfall ums Leben kommt, wird ihrer Mutter Margaret (Samantha Sloyan) auferlegt, sich einen Job zu suchen und Carrie auf eine staatliche Schule zu schicken. Durch ihre weltfremde Art gerät Carrie schnell ins Visier der dauermobbenden Chris Hargensen (Alison Thornton). Doch je mehr Carrie von ihren Mitschülern schikaniert wird, desto stärker werden die telekinetischen Fähigkeiten, die unerkannt in ihr schlummern …
Ein junges Mädchen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, mobbende Mitschüler und ein Abschlussball, bei dem es zur blutigen Tragödie kommt. Die Geschichte von Stephen Kings Debütroman „Carrie“ ist so bekannt wie zeitlos und wurde bislang drei Mal verfilmt. Beziehungsweise vier Mal, wenn man die Fortsetzung „Carrie 2 – Die Rache“ mitzählt. Da stellt sich schon die Frage, ob es eine weitere Verfilmung wirklich gebraucht hat. Nachdem ich die neue Serie von Mastermind Mike Flanagan heute durchgebingt habe, kann ich sagen: ja, hat es.
Flanagan hat die Geschichte nicht nur in die moderne Zeit verlegt, sondern sie auch um diverse Handlungsstränge erweitert und schlägt insbesondere beim Ende völlig neue Wege ein. Stephen-King-Puristen werden sich darüber vermutlich ärgern, doch mir haben die Änderungen ausnahmslos ganz hervorragend gefallen. Eine große Rolle spielt zum Beispiel das Thema Cybermobbing, das sich nicht auf Carrie White beschränkt, sondern so gut wie jeden trifft und sich nicht nur auf die Schule, sondern auf die gesamte Stadt auswirkt. Neu ist auch eine geheime Organisation, die auf der Suche nach Carrie ist – und die jede Menge Raum für eine Fortsetzung lässt. Mike Flanagan hat bereits bestätigt, dass er genug Ideen für drei Staffeln hat. Hoffentlich bekommt er die Chance, diese auch umzusetzen.
Dass die Serie so gut funktioniert, liegt nicht nur an der zeitlosen Grundidee, sondern insbesondere an den hervorragend geschriebenen Figuren. Den Machern gelingt das Kunststück, selbst den unsympathischsten von ihnen genug Ambivalenz zuzugestehen, dass man als Zuschauer nicht umhin kommt, vielleicht kein Mitgefühl, aber zumindest Verständnis zu entwickeln. Tief im Inneren hätte ich mich gefreut, wenn sich am Ende einfach alle aussprechen und Freunde werden – wohl wissend, dass dies nicht passieren wird. Witzigerweise ist es ausgerechnet Carrie, die sich trotz ihres Alters und ihrer schwierigen Kindheit stets vorbildlich und deeskalierend verhält. Wir sollten alle mehr wie diese Carrie sein.
Apropos Carrie: Summer H. Howell ist als Carrie White ’ne Wucht und spielt die Rolle mit einer nahezu perfekten Mischung aus Naivität, Neugierde und Optimismus – bis daraus zwangsläufig Wut und Verzweiflung werden. Fast genauso gut: Samantha Sloyan als herrschsüchtige und religiös verblendete Mutter, die im Grunde nur das Beste für ihre Tochter im Sinn hat, dabei aber nicht merkt, wie sie beim Versuch, ihre Tochter zu beschützen, alles nur noch schlimmer macht. Großartig gespielt. Von beiden.
Wenn es etwas zu kritisieren gibt, dann dass der Horroranteil zu gering ausfällt bzw. kaum vorhanden ist. „Carrie“ mag eine hervorragende Coming-of-Age-Geschichte mit übersinnlichem Touch sein, wirklich gruselig ist die Serie aber zu keiner Zeit. Aber hey, das ist wirklich Jammern auf verdammt hohem Niveau.
Meine Wertung: 9/10